mein schönes zu hause  

 

"Sind wir hier noch in Gösslingen?"
Wenn die Designerin und Buchillustratorin Silke Leffler in ihrem Atelier in der Nähe von Rottweil einen Blumenkohl aufs Papier tuscht, trägt er meist einen Bart wie Casanova, Maulwürfe eine Brille und Fische können bei ihr natürlich fliegen. Der erste Preis für das schönste Kinderbuch Österreichs 2003 ging deshalb an sie. Seit sieben Jahren lebt sie mit ihrem Mann Lothar Kübler im verträumten Schwaben, vor anderthalb Jahren kam Sohn Leonhardt dazu.

Foto Bericht mein schönes zu hause Wir leben seit sieben Jahren in Gösslingen und teilen uns die Ruhe und Geborgenheit dieses Flecken Erde mit 214 anderen Dorfbewohnern. Was nicht heißt, dass wir uns hier am Ende der Welt befinden: von Gösslingen, zwischen Stuttgart und Zürich gelegen, braucht man an den Bodensee eine Dreiviertelstunde, nach Mailand fünf, an den Comer See vier Stunden. Es war trotz dieser verführerischen Lage ein Zufall, der uns hier her brachte. 1997 lasen wir eine Anzeige in der Zeitung, die uns ansprach: Altes Bauernhaus, 280 Quadratmeter, in der Nähe von Rottweil zu verkaufen. Damals wohnte ich noch in einer kleinen Wohnung, mein Atelier lag in einem alten Industrieloft in Reutlingen, der Stadt, wo ich von 1991 bis 1996 Textildesign studierte, und anschließend als Freelancer Teppiche und Dekostoffe entwarf. Das Haus gefiel uns auf Anhieb.
Ich spürte die Schwingungen, die davon ausgehen, und von den Menschen rühren, die hier einst wohnten, und wusste sofort: Das ist ein gutes Haus. Eins, in dem ich schon immer leben wollte, in Harmonie mit mir selbst und den Menschen, die ich liebe, und in dem ich malen, zeichnen, illustrieren kann. Damals lebte eine Familie mit sechs Kindern darin. Die hatte es von einer Hotelbesitzerin und einem Prälaten gekauft, die es vor ihnen lange Jahre bewohnten, dann aber neu bauten und nun unsere Nachbarn sind. Richtig sicher, dass wir es haben wollen - und bezahlen können, das fanden wir genauso wichtig! - waren wir uns aber erst nach einem Jahr. Zum Glück hatte es uns noch kein anderer weggekauft, und so konnten wir schon vier Wochen später einziehen. Wir verteilten unsere paar Studentenmöbel über die drei Stockwerke, hängten unser einziges Prunkstück, einen Kristalllüster, ins Esszimmer, und stellten in der Küche unsere Tassen in die alten Schränke, die offensichtlich keiner mehr haben wollte. Sie beherbergen heute noch unsere Pfannen und Töpfe. Später bekamen wir aus dem großmütterlichen Schloss von Falkenhausen in Ansbach eine Kommode und einen Tisch geschenkt. Ich dachte damals, so ein Umzug sei Ruckzuck erledigt, ich packe einfach meine Kisten aus und beginne ein neues Leben. Und dann wühlte ich sechs Monate darin auf der Suche nach Dingen, die sich aus irgendeinem Grund vor mir versteckten. Es dauert eben, bis alles seinen Platz hat. Als erstes richtete ich meine Arbeitszimmer im ersten Stock ein. Es sind insgesamt drei. Im ersten steht der Computer, wo ich meine Mails lese und verschicke, den ganzen Bürokram erledige. Ich nenne ihn den Raum für die sauberen Hände. In meinem Fundus gleich nebenan bewahre ich alles auf, was ich für meine Bilder, Collagen, Zeichnungen brauche und von überall auf der Welt mitbringe – Perlen, Pailletten, Muscheln, getrocknete Blüten und Früchte, Bücher, Papier und anderweitige Fundstücke. Der dritte ist der Malraum, voller Farben und Schubladen für meine Entwürfe und Illustrationen.
Foto Bericht mein schönes zu hause Ich habe schon als Kind gemalt, saß so gern in einem Zimmer mit lieben Leuten, lauschte ihren Gesprächen, zeichnete oder tuschte Blumen, Vögel, Fabelwesen. Meist dachte ich mir Geschichten dazu aus und sagte meiner Großmutter, wenn sie mir über die Schulter schaute: „Wenn ich mal groß bin, werde ich Künstlerin.“ Und sie antwortete als pragmatische Frau meist: „Eine gute Künstlerin muss ihre Bilder auch verkaufen können, damit sie was zum leben hat“. Meine Mutter, meine Schwester und ich besuchten meine Großeltern Mitte der siebziger Jahre oft in Vorarlberg, wo ich auch geboren bin. Mein Vater baute in Tansania gerade einen baumwollverarbeitenden Betrieb auf, und weil meine Schwester das Tropenklima nicht vertrug, pendelten wir zwischen den Kontinenten.
Die Zeit in Afrika, die Sonne, das Licht, die Farben, die Menschen und die Tiere - Giraffen, Zebras, Elefanten sind mir so vertraut wie Reh und Hase -, haben meine Phantasie beflügelt, mich und meine Arbeit sehr geprägt. Auch Erlebnisse wie das zu Ostern 1979. Ich war damals neun, wir waren auf dem Weg in die Serengeti, als der Fahrer meines Vaters plötzlich vorschlug, ein Dorf der Massai, ein äthiopisches Hirtenvolk in Ostafrika, zu besuchen. Mein Vater unterhielt sich sogleich ganz angeregt in einem Mix aus Englisch und Suaheli mit einem jungen Krieger, der wie verzaubert über meinen langen, geflochtenen Zopf strich. Ich mochte das nicht, erst recht nicht, als ich erfuhr, dass er meinem Vater gerade fünfzig Kühe geboten hatte, wenn er mich bei ihm ließe. Der brach in schallendes Gelächter aus, ich in Tränen. Zum Glück stiegen wir dann wieder in den Jeep und fuhren weiter. Bevor Leonhardt zur Welt kam, bin ich mehrere Male im Jahr nach Afrika geflogen, und spüre ganz arges Heimweh nach diesem weiten, fernen Land. Trotzdem fühle ich mich mit dem, was ich mache, in Deutschland wohler, denn hier gibt es nicht soviel Not. In Afrika denke ich immer, jeder andere Beruf wäre sinnvoller als meiner, denn ein Stoffentwurf oder Kinderbücher sind Luxus. Es wäre ein eigennütziger Gedanke von mir, dort leben zu wollen.
Foto Bericht mein schönes zu hause Foto Bericht mein schönes zu hause Mir wurde erst während des Studiums klar, dass ich eines Tages Kinderbücher illustrieren will, denn ich liebe Bücher, ich liebe Kinder. Oft saß ich stundenlang in der Buchhandlung oder auf dem Spielplatz und beobachtete sie beim Lesen. Als Designerin reizten und faszinierten mich allerdings zuerst die großflächigen, ausgewogeneren Formen und Muster für die Textilfirmen. Menschen kamen in meinen Zeichnungen und Bildern eigentlich nicht vor, hatten keinen Platz darin. Ab 1994 belebten sie dann mehr und mehr meine Zeichnungen, 1997 übernahmen sie die Hauptrolle darin. Im wirklichen Leben ist Leonhardt für mich der Eintritt in eine andere Welt. Durch ihn bekomme ich plötzlich viel mehr Zeit, um eins zu sein mit dem jetzt. Ich lebe wieder mehr im Augenblick und das Leben ist sehr viel bunter.

Außerdem ist er Inspiration pur. In seiner kindlichen Unbefangenheit erforscht er die Dinge auf skurrilste Weise und setzt sie weniger nach deren Funktionalität ein. Es ist also selbstverständlich, in Waschkörben auf Reisen zu gehen, Salatsiebe gehören auf den Kopf. Plüschtiere werden zu Hüten und Schachteln sind erstklassige Häuser. Und wenn einer von uns nachts ncht schlafen kann, dann denke ich mir neue Geschichten aus. Zum Beispiel die vom „Tagesschlucker“, einem freundlichen, gutmütigen Zeitgenossen, der seine Aufgabe Tag für Tag mit der gleichen Gemächlichkeit erledigt – und trotzdem sind die Menschen nicht zufrieden, denn die Zeit vergeht ihnen viel zu schnell. Doch der Tagesschlucker lässt sich etwas einfallen, damit jeder Tag etwas ganz Besonderes ist, und die Menschen wieder lächeln können. Als ich die Geschichte Leonhardt das erste Mal erzählte, wusste ich noch nicht, dass daraus ein Buch entstehen wird. Mein erstes, wo beides - Text und Illustrationen -, von mir stammen. Ich habe noch so viele Ideen, würde gern fotografieren, Bühnenbilder entwerfen, und bräuchte deshalb sieben Leben, um sie alle umzusetzen. Manchmal hilft mir Leonhardt dabei, schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen. Neulich hatte ich alle meine Entwürfe für einen Kinderstoff auf dem Boden ausgebreitet, und dann Leonhardt auf den Boden gesetzt und beobachtet, welcher davon ihn als erstes anzieht. Er kroch sofort auf meinen Favoriten zu - einen Zirkus voller skurriler Figuren. Er teilt auch meine Liebe für afrikanische Tiere. Ich habe mal einen Teppich entworfen, wo eine Giraffe an einem Zaun vorbeigeht, und oben nur ihr Kopf und unten die Füße zu sehen sind. Der Teppich gefiel den Kindern so gut, dass ihn viele Eltern für sie kaufen mussten, und deshalb gab es wenig später ein Plüschtier namens Gustav. Ohne diesen Gustav geht Leonhardt nirgendwo hin. Neulich brachten die beiden, also Gustav und Leonhardt, von einem Ausflug ins Dorf vier Kinder mit. Erst malten wir ein Bild mit fliegendenFischen und einem sprechenden Himmelschlüsselchen, dann machte sich Marion, ein sechsjähriges Mädchen, auf Entdeckungsreisen durchs Haus, und fragte mich bei ihrer Rückkehr: „ Sind wir hier noch in Gösslingen?“
Eigentlich schon.

Aufgeschrieben von Heide-Ulrike Wendt
Fotos: Michael Hughes

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