mein schönes zu hause, Juni/Juli 2006  

 

Beziehungskiste
Haussegen

Ein neues Haus ist der verwirklichte Traum seiner Hausherren. Doch das Haus ist auch eine Beziehungskiste. Sie wirkt auf ihre Bewohner zurück, prägt und verändert sie. In unserer Serie beleuchten wir individuelles Leben in individuellen Häusern.
Heute: Silke Leffler, Lothar Kübler und Sohn Leonhartd aus Gösslingen.

Foto Bericht mein schönes zuhause 2006  Ihr neues Haus ist ein altes Haus. Es steht auf einem gut Tausend Quadratmeter großen Grundstück in Gösslingen bei Rottweil, und Haus wie Garten haben etwas vom Feen- und Zauberhaften, das viele von Silke Lefflers Kinderbuchillustrationen und ihre bedruckten Stoffe und Papierarbeiten kennzeichnet: Die Apfel- und Zwetschenbäume sind krumm und blühend schön, die Wiese ist voller Blumen, die Kletterrosen sind auf dem Weg ins zweite Geschoss, wo sich Frau Lefflers drei Arbeitszimmer befinden. Im Baumhaus von Sohn Leonhardt (zweieinhalb) macht sich ein blauer Sessel breit, der Raum in einem Märchen gefunden und Platz für einen kleinen König geboten haben muss. Foto Bericht mein schönes zuhause 2006
Das Haus selbst misst 280 Quadratmeter, ist trick- und winkelreich und ein schelmischrespektvolle Mischung aus alt und neu: aus Fotos, Zeichnungen, Büchern und Fundstücken, die dem Familienerbe entstammen und den Jahren, die die Textildesignerin (35) als Kind mit ihren Eltern im südlichen Afrika verbracht hat. Sie und ihr Mann Lothar Kübler (35), Diplom-Ingenieur, Export- Wirt und Geschäftsführender Gesellschafter eines Unternehmens für Sensortechnik, haben das Haus vor acht Jahren gekauft und verjüngt, ohne das Alte zu ignorieren. Sie hätten sich auch ein ganz neues vorstellen können. Aber das hier gefiel ihnen am besten. Die Grünlage beantwortete Silkes „Sehnsucht nach Ruhe und daraus bezogener Anregung“. Und ein altes Haus „besaß einfach mehr Charakter als ein ganz neues, dessen Charme erst wachsen muss“, wie Lothar sagt. Wohnungen kannten sie beide, etwa aus den Tagen des Studiums. Diese, vor allem jedoch beider Kindheitserfahrung „großzügiger, gastfreundlicher Eltern-Häuser“ weckte später wieder den Wunsch nach dem Haus. Namentlich für Silke Leffler, die Ruhe für Ideen und Raum für deren Entfaltung benötigt, war ein Haus die bessere Beziehungskiste: „Der Gewinn an Freiheit durch unser Haus wäre in einer Wohnung nur bedingt, wenn überhaupt, zu haben gewesen. Ich hätte ein separates Atelier mieten müssen, was einerseits Beschränkung und andererseits mehr Belastung bedeutet hätte. Der Freiheitsgewinn durch das Haus erklärt sich demgegenüber vor allem mit seiner Größe und seinem Garten: Das Haus lässt einem mehr Luft zum Atmen.“
Foto Bericht mein schönes zuhause 2006 Foto Bericht mein schönes zuhause 2006 Die 20 Quadratmeter große Wohnküche mit dem langen Esstisch, der ebenso große Esstisch im Wohnbereich sind Treffpunkte für die Familie und häufig mit Freunden. Auch die Terrasse und der Garten sind Gesellschaftsräume, wie sie eine Wohnung nicht zu leisten vermag. Andererseits besitzt ein Haus wie das von Silke, Lothar und Leonhardt „Fluchtpunkte“, die ebenfalls Freiheit bieten. Frau Leffler: „Bei Bedarf hat man seine Privatsphäre, weil der Platz dafür vorhanden ist. Das schätzen mein Mann und ich sehr. Die Möglichkeit, aus der Tür direkt in den Garten zu treten, auf Wiesen und Feldern Rad zu fahren oder zu joggen – das ist ein großer Gewinn an Wohlbefinden.“ 
Auf die Frage nach den auffälligsten Veränderungen, die das Haus für sie in Gang setzte, nennen Silke und Lothar drei Punkte: „Die größte war, dass uns das Haus ermöglichte, was wir als Kinder in den Elternhäusern kannten, aber in einer Wohnung so nie praktizieren konnten: Wir können Gastfreundschaft wieder leben, ohne mit Enge bestraft zu werden.“ Die zweite Veränderung beschreibt Silke Leffler so: „Der Raum, den wir mit Haus und Garten gewonnen haben, hat uns entspannter werden lassen.“ Auch den dritten Veränderungs- Punkt kann man mit Händen greifen – das Haus auf der Höhe ist kein „Don’t touch me“-Showroom, in dem ultimative Designstücke versammelt, vielmehr ein Kleinkosmos, in dem seine Bewohner behaglich zu leben angetreten sind. Übrigens im Wissen darum, dass nicht nur niemand, sondern nichts perfekt ist. Die Haus-Frau zu dieser Art Wandel, den das Haus bewirkt hat: „An einem Haus, noch dazu einem gebrauchten, ist immer etwas zu tun, aber nie alles zu schaffen. Das hat uns großzügiger zu uns selbst gemacht. Wir wissen, dass wir weiter damit beschäftigt sind, das Haus nach unseren Wünschen zu modeln. Wir wissen, dass manches nicht fertig ist. Doch wir lassen uns davon nicht abhalten, mit Freunden Platz und Anteil aneinander zu nehmen.“
Foto Bericht mein schönes zuhause 2006 Foto Bericht mein schönes zuhause 2006 Silke Leffler und Lothar Kübler betonen zwar beide, dass Hauseigentum für sie mit Freiheitszuwachs verbunden ist. In der Beziehungskiste wollen sich die beiden dennoch nicht zu Gefangenen des Hauses machen lassen. Eine Gefahr dafür sehen sie auch nicht. „Gewiss ist man mit einem Haus gebundener als in einer Wohnung. Zeitlich, weil es immer etwas im Garten oder am Haus zu tun gibt. Finanziell, weil es auch ein "Sparbüchsle" ist. In Bezug auf Mobilität, weil man vor Urlaubsantritt mehr bedenken muss, als wenn man in einer Wohnung lebt. Doch diese Freiheitsverluste sind alle geringer als die Freiheitsgewinne, die wir erworben haben.“ Sagt die Frau mit den großen, warmen, traurigen Augen. Und ergänzt: „Wir fühlen uns hier so glücklich wie nirgendwo bisher. Trotzdem glaube ich nicht, dass wir unser Lebtag hier bleiben werden.

Wir alle sind im Leben ja irgendwie auf Durchreise, und man weiß nie, was kommt. Aber ähnlich dem Luther-Spruch "Wenn ich wüsste, dass ich morgen sterbe, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen" haben wir es mit unserem Haus gehalten. Für heute passt es uns sehr gut. Wenn Zeiten und äußere Umstände anderes erfordern, sind wir vorbereitet, unsere Mobilität und Flexibilität dadurch
nicht einschränken zu lassen.“ Vieles deutet darauf hin: Silke, Lothar und Leonhardt sind die Genießer, nicht die Geiseln ihres Hauses. Das macht es so einladend.

Reiner Oschmann
Fotos: Gerd Engelsmann

  Foto Silke Leffler
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